Unterrichtsqualität, Lehrkompetenz und Anspruch an die Fachkonferenzarbeit

   Handreichung zum Arbeitsbereich Sport für Fachberater, Qualitätsagenturen (ca. 1.8MB)

Ach gebt uns gute Erzieher, gebt uns gute Leute, die die Neigung, Geschicklichkeit und Fertigkeiten haben, Kinder vernünftig zu behandeln, sich die Liebe und das Zutrauen derselben erwerben, die Kräfte zu wecken, ihre Neigungen zu lenken, und durch ihr Beispiel die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie, ihrer Anlage und ihrer Bestimmung nach, sein können und sein sollen... Wir haben einen Überfluß von Büchern... Wozu nutzen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen können?
 
Christian Gotthilf Salzmann, Philanthrop

Jeder Lehrplan bleibt ein administrativ-theoretisches Konstrukt, wenn es nicht durch den Lehrer umgesetzt wird. Erst im tagtäglichen Sportunterricht, den der Sportlehrer mit seinen Schülern gestaltet, kann sich die Intention unseres Sportlehrplanes bewähren, d.h. der zentrale Faktor ist und bleibt der Lehrer. Mit der Einführung der neuen Lehrplangeneration werden an den Sportlehrer komplexe Anforderungen gestellt. Der Unterrichtende muss eine umfassende Handlungsfähigkeit bzw. Lehrkompetenz entwickeln, die durch verschiedene Kompetenzen / fach- und berufsspezifische sowie fach- und berufsübergreifende Qualifikationen determiniert ist.
Die Gestaltung des Sportunterrichts muss dem Lehrplan mit seinem erweiterten Sport- und Leistungsverständnis Rechnung tragen. Erst eine sachgerechte und schülerorientierte Unterrichtsgestaltung ermöglicht eine umfassende Kompetenzentwicklung im Fach Sport.
Bei der Gestaltung von Sportunterricht steht die Individualität des Schülers im Mittelpunkt, d.h. diese ist bei der Ziel-, Inhalts- und Methodenauswahl sowie durch verschiedenartige Aufgabenstellungen zu berücksichtigen. Es sollte an den Erfahrungen der Schüler angeknüpft und diese erweitert werden. Ein schülerorientierter Sportunterricht stellt die Ganzheitlichkeit des Lernens in den Mittelpunkt, weshalb insbesondere induktive Verfahren zu nutzen sind. Problemlösungen ermöglichen den Schülern eine aktive individuelle Mitgestaltung des Unterrichtsprozesses.
Die Sachorientierung bezieht sich auf die Anforderungsstruktur des Lernbereiches. Klassenstufenspezifische Lernbereichsniveaus müssen daraus abgeleitet sowie das Endniveau in den abschlussbezogenen Jahrgängen beachtet werden. Insbesondere in Bezug auf das Prüfungsfach Sport an der Regelschule ist ein systematischer Lehr- und Lernprozess Voraussetzung dafür, dass die Schüler das im Lehrplan beschriebene Endniveau der Klassenstufe 10 erreichen.
Neben der motorisch-sportlichen Könnensentwicklung muss eine kontinuierliche übungsbegleitende Theorievermittlung in jedem Lernbereich erfolgen. Die Fachkonferenz Sport sollte diesbezüglich klassenstufen- und lernbereichsspezifische verbindliche Abschlussniveaus bestimmen, Aufgabenstellungen für mündliche sowie schriftliche Kontrollformen erarbeiten und Bewertungskriterien aufstellen.
Die Organisation des Sportunterrichts verlangt von jeder Fachkonferenz Sport eine schulspezifische Jahresplanung, die dem Prinzip der Kontinuität und Ausgewogenheit zwischen den Lernbereichen entspricht. Darüber hinaus besitzt die Fachkonferenz Sport eine große Bedeutung hinsichtlich der Erarbeitung von Stufenkonzepten für die einzelnen Lernbereiche sowie der Absprache und Transparenz der Benotung im Fach Sport.
Über den tagtäglichen Sportunterricht hinaus gilt es mit Kollegen zu fächerübergreifenden Ansätzen zu kooperieren sowie eine bewegungsfreudige Schule zu initiieren. Eine der wohl wichtigsten Forderungen im den Thüringer Lehrplänen besteht im Freiraum für fächerübergreifendes Arbeiten. Neben dem Aufgreifen und Anwenden von Kenntnissen aus anderen Fächern soll das Bearbeiten fächerübergreifender Themen in der spezifischen Form des Projektes betont werden.
Die fächer- und klassenstufenspezifischen Aspekte bedürfen schulischer Umsetzungsstrategien, die eine von Offenheit und Variabilität gekennzeichnete schuleigene Planung voraussetzen sowie zum fach- und schulüberschreitenden Dialog herausfordern.
Dieser Einblick in die Komplexität des Sportlehrerhandelns macht auf eines nachhaltig aufmerksam - jeder Kollege muss mit der Einführung des neuen Lehrplanes über sein Rollenverständnis neu nachdenken. Sollte er sich als Fachmann in der Sache "Sport" verstehen, wird er die Sachkompetenz der Schüler hoch ausprägen können, dagegen eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung vernachlässigen. Die Rolle des Sportlehrers geht weit über die fachliche Qualifikation hinaus - er ist Berater, Helfer, Initiator, Erzieher zugleich. Ein demokratischer Führungsstil, eine eigene Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, ein Mensch mit Freude am Sport und an den Kindern ist notwendig, um die Individualität jedes Schülers zu beachten und dessen Lernkompetenz im Fach Sport und darüber hinaus zu entwickeln. Erst dann werden wir die Kinder und Jugendlichen zum lebenslangen Sporttreiben über die Schulzeit hinaus animieren können.