Gesundheitsförderung – eine Leitlinie im Thüringer Schulsport
Publikationen
Schulsport ist die erste Stufe der betrieblichen Gesundheitsvorsorge
Prof. Dr. Holger Gabriel, Uni Jena, Sportmedizin
Während Mediziner weltweit dem Schulsport einen hohen Stellenwert zuordnen, warnen einige Sportpädagogen vor einer Überfrachtung des Schulsports bezüglich seiner gesundheitsfördernden Funktion.
Das Anliegen der Thüringer Lehrpläne besteht nicht darin, sich in eine derartige theoretische Diskussion einzumischen. Mit Blick auf die Entwicklung des Einzelschülers geht es darum, Möglichkeiten der Gesundheitsförderung im unterrichtlichen sowie außerunterrichtlichen Bereich zu erkennen und in Verbindung mit außerschulischen Kooperationsangeboten zu nutzen. Nachfolgende Positionen bilden die Grundlage für die gesundheitsorientierte schulartenübergreifende Ausrichtung der Thüringer Lehrpläne für das Fach Sport.
Was kann Schule, was kann Schulsport als Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten?
- Das Gefährliche für unsere Gesundheit ist, dass sich Degenerationsprozesse nur sehr langsam und deshalb fast unmerklich vollziehen, weil wir uns ja täglich etwas bewegen. Erst nach Jahren - für viele ist es dann bereits zu spät - treten plötzlich deutliche Beschwerden und Schäden auf. Da die Kinder und Jugendlichen einen Großteil ihres Alltages in der Schule verbringen, beeinflusst sie über viele Jahre deren kognitive, soziale, emotionale und motorische Entwicklung. Dazu gehört natürlich auch die Einflussnahme auf die Entwicklung des Gesundheitsbewusstseins und des Gesundheitszustandes.
- Die Schule besitzt günstige Voraussetzungen, mit unterschiedlichen pädagogischen Perspektiven die Gesundheitsförderung für den Schüler erfahrbar zu gestalten. Fächerübergreifendes Unterrichten innerhalb der Schule und schulartübergreifende Koordinierung von Aufgaben bzw. Anforderungen ermöglichen eine systemische Prozessgestaltung. Der Weg von der Bewegungsfreundlichen Grundschule bis zu einem tätigkeitsorientierten Sportunterricht in der beruflichen Bildung beschreibt dies beispielhaft.
- Mit seinen vielfältigen und umfangreichen Angeboten kann der Schulsport helfen, dem Bewegungsmangel zu begegnen und die damit verbundenen Risikofaktoren zu reduzieren. Besondere Bedeutung haben zusätzliche Bewegungs-, Spiel- und Sportformen, die in Kooperation mit Partnern der Schule das Angebot für alle Schüler erweitern. Hier sind insbesondere die Sportvereine hervorzuheben.
- Der Begriff Kompetenzentwicklung bezieht den Körper bewusst mit ein. Der Körper spielt eine wichtige Rolle bei der Findung der eigenen Identität des jungen Menschen. Hier hat der Schulsport eine wichtige Aufgabe. Mit Hilfe von Übungen zur Wahrnehmungsschulung und zum Sammeln von Körpererfahrungen kann für alle Schüler ein Beitrag dazu geleistet werden, dass Körpersignale bewusster wahrgenommen und eigene Leistungen besser eingeschätzt werden können.
- Der Sportunterricht kann mit seinen Möglichkeiten zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen und das Gesundheitsbewusstsein stärken. Kompetenzentwicklung im Sportunterricht bedeutet auch die Aneignung eines eigenverantwortlichen Gesundheitsverhaltens, was sich u.a. in selbstständigem Sporttreiben in der Freizeit bzw. nach der Schulzeit zeigt. Mit dem Lernbereich Gesundheit und Fitness haben die Thüringer Lehrpläne für das Fach Sport den Auftrag zur Gesundheitsförderung konkretisiert und gleichzeitig günstige Rahmenbedingungen für die Umsetzung der Zielstellung geschaffen.
- Schulsport kann ein für alle Lebensbereiche wertvolles psychomotorisches Sicherheitstraining sein. Hier können Schüler lernen, sicher und gesund mit sich selbst, mit den Mitmenschen und der Umwelt in gegenwärtigen und zukünftigen Lebens- bzw. Arbeitssituationen umzugehen.
- Eine spezifische Chance für Schüler mit motorischen Leistungsmängeln, Haltungsschwächen und psychischen Auffälligkeiten bietet dafür der in Thüringen flächendeckend angebotene Sportförderunterricht als zusätzliche Möglichkeit zum Sportunterricht an den Schulen.
Gesundheit ist nicht alles -
aber ohne Gesundheit
ist alles nichts.
Schopenhauer