Eine solche Debatte bestimmte u.a. die Phase der Umgestaltung des Thüringer Erziehungs- und Bildungssystems im Bereich des Schulsports. Gegner einer Benotung im Fach Sport fanden öffentliche Unterstützung insbesondere bei einigen Bildungspolitikern und Sportpädagogen. Auf Initiative der Thüringer Sportjugend und des Deutschen Sportlehrerverbandes wurde in Vorbereitung der Thüringer Lehrpläne für das Fach Sport dieses Thema anlässlich mehrerer Schülerforen aufgegriffen. Eine durchaus streitbare Diskussion zeigte, dass insbesondere die Schülervertreter selbst, aber auch die Eltern sich mehrheitlich für eine Benotung im Fach Sport aussprachen. Sie verbanden ihr Votum mit der Forderung nach einer "gerechten" Bewertung, einer Bewertung, die sich in erster Linie an der Individualität des Schülers orientiert. Einer Benotung ausschließlich motorischer Leistungen auf der Basis von Normentabellen erteilten sie eine Absage.
Im Ergebnis dieser Aussprachen wurden in Verantwortung des ThILLM Anregungen für die Bewertung von Schülerleistungen im Schulsport als Unterstützungsmaterial für die Lehrer erarbeitet (veröffentlicht in ThILLM-Heft 16, Reihe "Impulse", 1997).
Nachfolgend ein Auszug aus der zweiten Auflage (in Überarbeitung) ...
Sage es mir, und ich werde es vergessen.
Zeige es mir, und ich werde mich erinnern.
Lass es mich tun, und ich werde es behalten.
Die Thüringer Lehrpläne verfolgen eine individuelle Kompetenzentwicklung für jeden Schüler. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von Lernkompetenz, die im Fach Sport primär an Bewegungen gebunden ist. Die Sportlehrpläne sind durch ein erweitertes Sportverständnis geprägt. Dieses impliziert verschiedene Sinngebungen des Sports und bereichert traditionelle Lernbereiche durch neue Inhalte, die didaktisch aufbereitet werden. Ein ausgewogenes Maß an Verbindlichkeit und Offenheit wird angestrebt. Als verbindlich gelten die Ziele und Aufgaben des Sportunterrichts, die sich im ganzheitlichen Kompetenzmodell widerspiegeln, welches auch jedem Lernbereich zugrunde liegt. Mit den Leitlinien wollen die Sportlehrpläne einen Sportunterricht initiieren, in dem der Schüler lernt:
Die Bewertung von Schülerleistungen im Fach Sport erfordert die Berücksichtigung der Sach-, Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz bei der Leistungserfassung. Leistung ist als Einheit von Vollzug und Ergebnis im Lernprozess zu verstehen. Sie ist sowohl an gesellschaftlich determinierten Normen (Produktorientierung) als auch an den Prozess der individuellen Leistungsentfaltung (Prozessorientierung) gebunden. Die Leistungserfassung mündet in der Schule in einer Ziffernnote. Eine gerechte Benotung setzt eine möglichst objektive Leistungsermittlung voraus und erfordert verantwortungsvolle subjektive und an Kriterien nachvollziehbare Entscheidungen.
Die Gestaltung des Sportunterrichts muss dem Lehrplan mit seinem erweiterten Sport- und Leistungsverständnis Rechnung tragen. Erst eine sachgerechte und schülerorientierte Unterrichtsgestaltung ermöglicht eine umfassende Kompetenzentwicklung im Fach Sport.
Bei der Gestaltung von Sportunterricht steht die Individualität des Schülers im Mittelpunkt, d.h. diese ist bei der Ziel-, Inhalts- und Methodenauswahl sowie durch verschiedenartige Aufgabenstellungen zu berücksichtigen. Es sollte an den Erfahrungen der Schüler angeknüpft und diese erweitert werden. Ein schülerorientierter Sportunterricht stellt die Ganzheitlichkeit des Lernens in den Mittelpunkt, weshalb insbesondere induktive Verfahren zu nutzen sind. Problemlösungen ermöglichen den Schülern eine aktive individuelle Mitgestaltung des Unterrichtsprozesses.
Die Sachorientierung bezieht sich auf die Anforderungsstruktur des Lernbereiches. Klassenstufenspezifische Lernbereichsniveaus müssen daraus abgeleitet sowie das Endniveau in den abschlussbezogenen Jahrgängen beachtet werden. Insbesondere in Bezug auf die Prüfungen im Fach Sport ist ein systematischer Lehr- und Lernprozess Voraussetzung dafür, dass die Schüler das im Lehrplan beschriebene Anforderungsniveau erreichen.
Neben der motorisch-sportlichen Könnensentwicklung muss eine kontinuierliche übungsbegleitende Theorievermittlung in jedem Lernbereich erfolgen. Die Fachkonferenz Sport sollte diesbezüglich klassenstufen- und lernbereichsspezifische Aufgabenstellungen für mündliche sowie schriftliche Kontrollformen erarbeiten und Bewertungskriterien aufstellen.
Die Organisation des Sportunterrichts verlangt von der Fachkonferenz eine schulspezifische Planung, die dem Prinzip der Kontinuität und Ausgewogenheit zwischen den Lernbereichen entspricht. Darüber hinaus besitzt die Fachkonferenz Sport eine große Bedeutung hinsichtlich der Erarbeitung von Stufenkonzepten für die einzelnen Lernbereiche sowie der Absprache und Transparenz der Benotung im Fach Sport.
Die Benotung der Lernkompetenz der Schüler im Fach Sport äußert sich auf sachlicher und prozessual-sozialer Ebene, wobei der Schwerpunkt auf der Entwicklung von Sachkompetenz liegt.
| Sachliche Ebene | |
|---|---|
| motorisch-sportliches Können | lernbereichsspezifisches Wissen |
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|
| Prozessual-soziale Ebene |
|---|
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Die sachliche Ebene umfasst das motorisch-sportliche Können sowie das Wissen in den einzelnen Lernbereichen. Im Mittelpunkt der Benotung steht die Ausprägung und Anwendung lernbereichsspezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ausgewählte grundlegende koordinative und konditionelle Fähigkeiten sind pro Lernbereich zu vervollkommnen und zu bewerten. Lernerfolgskontrollen zu lernbereichsspezifischem Wissen können in mündlicher (Gestaltung von Unterrichtsteilen, Schiedsrichterleistungen, Kurzkontrollen, Referat u.A.) oder schriftlicher Form (Test, Fragebogen, Tagebuch, Bericht, Collage, Wandzeitung etc.) erfolgen, wobei nicht jeder Schüler zu allen Wissensbereichen benotet werden muss.
Im Sportunterricht sind die Tätigkeiten und Verhaltensweisen der Schüler fachtypisch auf das Motorisch-Sportliche gerichtet. Verbunden damit sind immer weitere Tätigkeiten als Ausdruck sozialen Lernens bzw. der Selbsterziehung, die als Leistungen auf prozessual-sozialer Ebene erfasst werden.
Die Schüler beteiligen sich am Unterricht, indem sie über verschiedene Kommunikationsformen den sozialen Kontakt zu ihren Mitschülern suchen, um sich im konkreten Verhalten und Handeln abzustimmen. In dieser Weise übernehmen sie – geplant oder spontan – verschiedene Rollen bei der Gestaltung des Unterrichts in seiner Vorbereitung, Durchführung und Auswertung. Dadurch werden sie selbst zu Akteuren des Sportunterrichts.
Die Schüler akzeptieren sportliche Regeln und handeln danach. Konflikte werden friedlich gelöst. Sie nehmen auch unter Konkurrenzbedingungen aufeinander Rücksicht. Sie verhalten sich fair, solidarisch und können sich einordnen. Die Schüler leisten Hilfe und nehmen diese auch an.
Die Schüler sind grundsätzlich den Anforderungen des Sportunterrichts aktiv eingestellt – besonders, wenn sie etwas als sinnvoll erkennen. Das wird in ihrer Anstrengungsbereitschaft und in der Übernahme mitgestaltender Aufgaben deutlich.
Die Schüler sind befähigt, persönliche Leistungen objektiv einzuschätzen und realistische Ziele abzuleiten. Zugleich werden Leistungen anderer objektiv bewertet, akzeptiert und toleriert.
Die Schüler erkennen Fehler und können sie korrigieren. Sicherheitsrisiken werden erkannt und minimiert. Die Schüler erstellen kleine Übungsprogramme. Sie setzen sich mit aktuellen Erscheinungen des Sports kritisch auseinander.
Um eine gerechte Bewertung jedes einzelnen Schülers anzustreben, muss die Individualität jedes Schülers berücksichtigt werden, d.h. körperbauliche Voraussetzungen, psychische Befindlichkeit, Lern- und Leistungsfortschritt. Die Beachtung individueller Voraussetzungen sollte zu unterschiedlichen Zielstellungen, differenzierten Inhaltsangeboten und verschiedenen methodischen Wegen führen. Dies muss sich in einer differenzierten Aufgabenstellung wiederspiegeln, die wiederum das zu bewertende Endniveau bestimmt.
Damit die Schüler im Fach Sport ihre "Stärken" einbringen bzw. "Schwächen" kompensieren können, sind nachfolgende Entscheidungen seitens der Lehrer bzw. Schüler in Bezug auf eine gerechte Benotung zu treffen:
Langfristige Unterrichtsplanung bzw. Unterrichtsvorbereitung ist ohne eine Reflexion der Ergebnisse zu den Lehr- und Lernprozessen, ohne Überlegungen zu Fragen der Bewertung nicht vorstellbar.
Im Interesse einer Selbstverständigung und der Abstimmung innerhalb der Fachkonferenz ist es für jeden Lehrer empfehlenswert, sich bereits im Prozess der Planung an den nachfolgenden Fragestellungen zu orientieren.
Bei der Beantwortung der Fragen sollten wir uns bewusst sein, dass sich darin sowohl das Verständnis des Lehrers hinsichtlich der Zielstellungen des Lehrplanes, der Einordnung seines Fachs und ebenso sein Verhältnis zum Schüler widerspiegelt. Jeder Sportlehrer sollte die Schüler aus seiner Fachkenntnis sowie dem Wissen um die individuellen Stärken und Schwächen beraten. Zugleich ist es seine Aufgabe, Unterrichtsprozesse zu initiieren, zu beobachten und zu lenken, um jedem Schüler einen individuellen Lernerfolg zu ermöglichen. Diesen Lernerfolg gilt es stetig zu kontrollieren und auf Grundlage der Lernbereichsplanung ausgewählte Anforderungsniveaus zu benoten.
Die Lernbereichsnote wird gebildet aus der Basisnote, die sich ergibt aus Einzelnoten der sachlichen Bezugsebene unter Berücksichtigung individueller Voraussetzungen und einer Einschätzung der prozessual-sozialen Ebene, wobei der Schwerpunkt auf der sachlichen Bezugsebene (Basisnote) liegt.
Die Einschätzung der prozessual-sozialen Ebene kann die Basisnote um einen Skalenwert verändern.

Die Halbjahresnote und die Schuljahresendnote werden aus allen Lernbereichsnoten des 1. bzw. des 1. und 2. Schulhalbjahres gebildet. Lernbereichsnoten können mit unterschiedlicher Wichtung in die Schuljahresendnote eingehen.
Es wird nicht stringent das arithmetische Mittel gefordert. Eine mögliche Wichtung von Lernbereichsnoten kann sich aus Differenzierungen im Anforderungsbereich/Stellenwert ergeben.